IG Centered Riding Schweiz

Der dritte Basispunkt - Der Atem

Der dritte Basispunkt – Der Atem

 

Das vorletzte Infoblettli war der Balance gewidmet, das zuvor den weichen Augen. Heute wollen wir über den Atem sprechen. Im Infoblettli Nr. 36 / April 2011, habe ich ausführlich über die Atemmechanik, das Timing bei der Anwendung etc., geschrieben. Solltest du den Text nicht mehr finden, schicke ich ihn dir gerne zu.

 

Der Atem ist der wichtigste Basispunkt. Er lässt die Energie im Körper fliessen. Stockt der Atem, stockt die Durchlässigkeit, egal was wir gerade reiten und tun. In keiner anderen Reitlehre wird der Atem so bewusst eingesetzt, wie im Centered-Riding. Bewusst atmen können, muss jedoch gelernt sein und klappt nicht auf Anhieb. Es braucht das Wissen dazu, wie sich der Körper in der bewussten Atmung anfühlt sowie auch das Gefühl für das Timing. Wann frage ich das Pferd mit dem Atem für eine Veränderung seiner Bewegung? Wie kann ich bewusste Atmung effektiv umsetzen?

 

Für jeden Reiter, der neu mit CR beginnt, egal ob Anfänger oder Profireiter, ist das bewusste Atmen beim Reiten immer etwas, das es neu zu entdecken gilt. Oftmals erkläre ich gar nicht so viel, der Reiter soll die Erfahrung selber machen. Wir „spielen“ dann Versuchslabor. Ich lasse die Reiter im Schritt reiten und sanft durch den Mund ausatmen. Lasse ihn damit experimentieren. Fordere ihn auf, auch mal den Atem anzuhalten. Gerne höre ich dann ein Feedback. Auch das Feedback geben ist für „neue“ CR-Reiter etwas Besonderes und gar nicht so einfach – erinnert euch an eure ersten CR-Stunden. Ich jedenfalls habe lange nicht so viel gespürt und es war schwierig, Feedback zu geben. Erst das Sprechen über das, was man fühlt, macht einem den eigenen Körper richtig bewusst und bereitet ihn auf kommende Veränderungen vor. Ein ganz wichtiger Punkt in den CR-Stunden!

 

In dieser Schrittlektion kann es sehr gut sein, dass das Pferd nicht „hinhört“, d.h. es ist sich so sehr gewohnt, dass der Reiter für einen langsameren Schritt oder  um anzuhalten an den Zügeln zieht, dass es auf eine so feine Veränderung der Muskelspannung zunächst gar nicht reagiert. Das ist jeweils schade und gibt noch kein Laborresultat, das sichtbar ist. Einzig der Reiter fühlt, was sich beim ihm verändert. Solche Pferde müssen zum besseren „hinhören“ erzogen werden. Das mache ich immer mit einem Töggelitörli oder einer Stangengasse. Der Reiter reitet eine Volte und immer im Törli oder in der Gasse muss er anhalten, natürlich mit dem sanften ausatmen. Die ersten paar Mal wird das Pferd noch weitere Phasen / Konsequenzen brauchen. Also Phase 1: sanftes Ausatmen, Phase 2: Zügelhände schliessen, Phase 3: Ellbogen zurücknehmen. D.h. steigern der Absicht, im Törli, in der Gasse anzuhalten. Es wird nicht lange gehen und das Pferd merkt, dass es immer am gleichen Ort anhalten muss. Es wird merken, dass das sanfte Ausatmen ihm gilt und es auffordert, langsamer zu werden oder anzuhalten.

 

Klappt das immer noch nicht so gut, kann der Reiter meistens das Ausatmen nicht erlauben, d.h. bis in die letzte Faser seines Körpers zu lassen. Diese Reiter lasse ich auf dem stehenden Pferd sanft ausatmen. Sie sollen dabei spüren, was geschieht und erst wenn wir beim richtigen Resultat angekommen sind, darf der Reiter das in der Bewegung des Pferdes ausprobieren.  

 

Geübte Reiter, die gut umsetzen können, dürfen mit dem sanften Ausatmen auch bei den Uebergängen vom Leichtreiten in den Schritt experimentieren. Auch das ist oft eine neue Erfahrung, für einen Uebergang nicht in den Arbeitstrab einzusitzen sondern im Leichtreiten weiter zu fliessen, sanft auszuatmen und dabei einfach zulassen, was geschieht. Im besten Fall reagiert das Pferd, wird langsamer, der Reiter passt seine Bewegungen denjenigen des Pferdes an und die beiden fliessen zusammen in den Schritt. Oftmals kann das Pferd dabei seine Balance gut behalten. Im Gegensatz zum Einsitzen für den Uebergang. Viele Pferde verlieren dabei ihr Gleichgewicht und ihr Kopf geht nach oben, resp. der Rücken nach unten…..

 

Kann auch hier das Pferd nicht auf die äusserst sanfte Anfrage des Reiters eingehen, da es sich starke Hilfen gewohnt ist, arbeite ich auch mit einer Stangengasse. Den Uebergang immer in der Gasse reiten lassen und es wird nicht lange gehen, bis das Pferd verstanden hat und „zuhören“ kann.

 

Die Zentrumskugel hilft bei der Atemqualität. Reiter, die gut mit Vorstellungsbildern arbeiten können, hilft oft das Experimentieren mit der Zentrumskugel. Hier lasse ich den Reiter auf dem stehenden Pferd oder gar noch am Boden stehend die Zentrumskugel wahrnehmen. Farbe, Gewicht, Material etc. Sie sollen sich ein möglichst fantasievolles Bild von ihrer Kugel machen. Nun gilt es, den sanften Atem anzuwenden und dabei zu beobachten, was die Kugel macht. Schnell wird sich herausstellen, dass die Kugel sinkt. Der Reiter soll sich vorstellen, er lasse die Kugel los und sie darf auf den Boden fallen. Der Boden darf fantasievoll mit Moos, weichem Sand, Federn, etc. ausgestattet sein, damit die Kugel beim Loslassen nicht kaputt geht. Auf dem Pferd fällt die Kugel durch den Sattel, durch das Pferd, bis auf den Boden. Diese Vorstellung hilft zusätzlich zum Ausatmen, loszulassen, den Muskeltonus im Gesäss zu senken. Aber Achtung! Loslassen im Gesäss ist nicht Zusammensinken des ganzen Oberkörpers – siehe dazu Text im Infoblettli Nr. 36! Ganz wichtig! Das wird oft falsch verstanden und ist kontraproduktiv.

 

Kann der Reiter das Loslassen mit dem Ausatmen im Stehen kombinieren, darf er das Bild beim Reiten anwenden. Gerne experimentiere ich damit auch in der Bodenarbeit, um das Pferd anzuhalten und dem Reiter Gelegenheit zu geben, dieses Gefühl überall anzuwenden. Schliesslich auch in seinem Alltag, wenn er Stress hat, hilft das extrem, nicht verspannt zu werden, immer wieder loszulassen.

 

In den ersten CR-Lektionen arbeite ich nur mit dem sanften Atem. Es ist für „neue“ Reiter sehr gewöhnungsbedürftig, überhaupt beim Reiten zu atmen. Er braucht zunächst viele Wiederholungen und das passende Gefühl und Erfolgserlebnis dazu. Erst wenn der Reiter, ohne nachzudenken, seinen sanften Atem gut einsetzen kann, besprechen wir den Kraftatem.

 

Der Kraftatem dient dem Vorwärtspower. Er spricht die Hinterbeine des Pferdes an, fordert es auf, seine Muskelspannung zu erhöhen, sich zu rebalancieren und kraftvoller abzufussen. Eine wunderbare Art und Weise, ganz fein das Pferd zu mehr Vorwärts aufzufordern, ganz ohne Sporen und Peitsche…..

 

Zunächst muss der Reiter lernen, so „zackig“ auszuatmen, den Atem herauszupressen, damit er fühlt, dass sein Muskeltonus am Rumpf extrem ansteigt für diese kurze Zeit des Ausatmens. Das kraftvolle Ausatmen übe ich mit dem Reiter mit einem Trinkhalm, durch den er möglichst viel Luft in möglichst kurzer Zeit pressen soll. Auch der Unterschied sanfter Atem = breiter Mund, Kraftatem = spitzer Mund, kann helfen. Den Muskeltonus erhöhen wir auf gleiche Weise beim Lachen. Ein kurzes „ha“ = einmal lachen J, lässt die Rumpfmuskeln anspannen. Genau diesen kurzen, kraftvollen Ausruf hören wir oft bei Tennisspielern, die in diesem Moment den Ball mit dem Schläger zurückschlagen oder bei Karatekämpfern, bei der Ausführung des gezielten Schlags auf die Ziegelsteine.

 

Zurück zur Zentrumskugel. Auch der Kraftatem kann gut über die Zentrumskugel gefühlt und umgesetzt werden. Der Reiter soll sich vorstellen, dass sich seine Kugel in einen Gummiball verwandelt. Wieder lasse ich ihn mit diesem Bild experimentieren. Am besten noch nicht in der Bewegung des Pferdes. Mit seinem Kraftatem gibt er dem Gummiball einen Stoss nach unten, der prallt auf den Boden und springt wieder hoch ins Zentrum. Eine ganz exquisite Art, Spannung aufzubauen und wieder loszulassen. Eine gute Haltung ist nicht nur Anspannung, sondern das Wechselspiel zwischen Spannung und Entspannung.

 

Bei der ganzen Atmerei ist es wichtig, dass der Reiter nicht meint, das Pferd müsse seinen Atem mit seinen Ohren hören! Und der Reiter gibt sich Mühe, dass der Atem auch laut tönt. Das wäre falsch verstanden und ist nicht nötig. Nur die Wechselwirkung, die aus dem Atem in der Muskulatur entsteht ist das „gelbe vom Ei“. Eine Sitzhilfe, keine Stimmhilfe!

 

Der Kraftatem muss, im Gegensatz zum sanften Atem, effektiv eingesetzt werden. Im richtigen Zeitpunkt, wenn das Pferd mit dem richtigen Hinterbein abfusst. Wahrzunehmen am besten über die Sitzkreise…. Möchte man beim Leichtreiten den Trab verstärken, das Pferd zu mehr Schub aus der Hinterhand veranlassen, wendet man den Kraftatem beim Aufstehen an. Der Kraftatem kommt immer dann zur Anwendung, wenn mehr Schub gefragt ist. Z.B. im Galopp. Regelmässiger Kraftatem = regelmässiges Abstossen des Pferdes und gute Balance. Auch um das Pferd in die Versammlung zu reiten – von hinten nach vorne und nicht von vorne nach hinten, Aber das ist ein anderes Thema…….

 

Oftmals reagiert das Pferd auch nicht auf den Kraftatem. Es ist sich gewohnt, dauernd mit den Schenkeln vorwärtsgetrieben zu werden. Wieder gilt es, das Pferd zur Feinfühligkeit zu erziehen. Möchte der Reiter das Pferd im Schritt mit dem Kraftatem auffordern, schneller zu gehen, braucht er das richtige Timing. Er muss den Kraftatem beim Abfussen des inneren Hinterbeines einsetzen können. Merkt das Pferd nach zwei Atemstössen noch nichts, gilt es die Gerte sanft als Erinnerung einzusetzen. D.h. mit dem dritten Kraftatem gleichzeitig das Pferd hinten antippen. Zunächst sanft und mit jedem Atemstoss etwas fester, bis es reagiert und kräftiger abstösst. Wendet man das konsequent an, bekommt man ein äusserst feinfühliges Pferd, das über den Atem geritten werden kann ohne dauernd mit den Schenkeln zu treiben. Das also auf die Muskelspannung oder Energie des Reiters reagiert.

 

Ich möchte euch Auffordern, selber in den verschiedenen Gangarten mit dem Atem zu experimentieren und beim Unterrichten gut zu beobachten, was mit Reiter und Pferd geschieht, wenn bewusst geatmet wird. Viel Spass dabei.

 

                                                                          Erika Weissatmung_mdi_1jpg

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